Jean-Michel Räber: Kabarett zum Lesen
 

Jean Michel Räber: Kabarett zum Lesen

   
Hier eine Textprobe aus sein aber nicht sein – Bekenntnisse eines unterbeschäftigten Helden:

Man fragt sich ja manchmal oft: «warum bin ich da, wo ich bin?» Wenn ich bedenke: Mein Traumberuf von Klein auf war Diktator. Mein Vater wollte nicht.
«Lerne erst mal Klavier, dann sehen wir weiter.»
«Aber Papa, ein Diktator kann doch auch Klavier spielen.»
«Ein Diktator lässt Klavier spielen!»
Ein Grund mehr Diktator zu werden, denke ich. Nie mehr üben! Üben lassen! Ich stelle mir vor: Klassentreffen! Grosses Wiedersehen nach zwanzig Jahren bei Weißwein und Canapés.
«Hallo, Moritz, du hast dich überhaupt nicht verändert.»
«Ehrlich?»
«Kein bisschen.»
Moritz erbleicht und springt aus dem Fenster.
«Und du Peter, was machst du so?»
«Ach, mal dies, mal das.»
«Aha, arbeitslos.»
Peter erbleicht und springt aus dem Fenster. Bald ist das Zimmer fast leer und bin ich nur noch mit den Menschen zusammen, die mir wirklich etwas bedeuten.
«Und du Edi, was machst du so?»
«Ich? Ich bin Diktator.»
«Mensch super. Und wo, so?»
«Schweiz. Kanton Zug.»
«Zug? Herrlich! Die Berge, der See! Und wie kommst du mit den Menschen zurecht? Ich meine, die Schweizer sind doch verklemmt, total verklemmt.»
«Da gibt es eigentlich keine Probleme. Jedenfalls mit den Meisten.»
«Und was ist mit den anderen?»
«Die … kommen in den See.»



Und hier eine Wein-Lese-Probe aus Der Dichter und die Flasche:

Mein Freund und Dichtkollege «R.» aus Z. meint: Ich trinke keinen Sekt. Sekt, das klingt nach Ecken und Kanten. Wo bleiben da die weichen Perlen? Nein, ich trinke Prosecco Italiano. Da hüpft gleich Gina Lollobrigida aus der Flasche, eng umschlungen mit Marcello Mastroianni. Prosecco, das ist Erotik pur. Und wenn ich zufällig keinen Prosecco im Kühlschrank habe, dann trinke ich le Champagne! Der Korken knallt, ich halte die Bouteille «Voeuve Clicot – La Grande Dame», zehn Jahre alt, mit der rechten Hand und gieße sanft den perlenden extra brut in die flûte hinein und mit dem ersten Schluck schon defiliert vor meinen Augen das gesamte Prêt à Porter.

Und ich trinke keinen Landwein, womöglich noch aus der Pfalz. Ein Wein der aus der Pfalz kommt, hat den Korken schon im Rebstock. Nein, ich trinke le «Rouge de Bourgogne». Das weckt das Tier in mir. Das Glas zerbirst und mit weiten Sätzen jagt der Werwolf durch die einsame Nacht.
Ich trinke auch keinen Weißwein von der Mosel. Mosel klingt nach Verstopfung, nach noch zu verdauendem Hirschragout. Nein, ich trinke nur: le petit blanc Suisse … Suisse … Suisse. Da hallen die Berge und aus weiter Ferne winkt uns Heidi zu.

Und ich trinke keinen Weißherbst aus Baden-Württemberg, nein, ich trinke Fetzer from California, my darling, from the Somoa Valley, for God's sake. Weil Kalifornien, das ist «sunshine, freedom, happiness». Und das jeden Tag. Kaum ist die Flasche dekantiert, fährt John Steinbeck auf einem offenen Güterzug an mir vorbei. Und in einem morschen Weinfass döst, in sich eingerollt, Jack London vor sich hin. Neben ihm ein grauer Wolf, der ihm die wunden Füße leckt.

Und ich trinke kein Tannenzäpfle oder Ureich! Das klingt nach abgestandenem Wasser, nach Holzwürmern. Nein, ich trinke nur Corona desde Mexico! Mit Limone und etwas Salz! Das hat Pfeffer! Weil el Mexicano es versteht zu leben! E viva Zapata!

Und ich trinke keinen deutschen Sprudel aus der schon tausendmal benutzten weißen Flasche. Wer weiß, wer die schon alles in den Fingern hatte. Nein, ich trinke nur das echte, pure, edle eau minérale, l' eau Rosée de la reine du Tarn, oder aber, das einzig wahre gebenedeite aqua minerale della Madonna aus dem blauen Flakon. Denn, und hiermit ende ich: das Auge trinkt ja mit!

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